• St. Pauli Vibes auf Mallorca
    Feb 16 2026

    Es gibt Tage, da musst du einfach raus. Wenn der Hamburger Nieselschnee sich wie eine kalte, nasse Decke über dein Bewusstsein legt und die Trümmer der letzten Niederlage (dieses verdammte Leverkusen-Spiel!) noch in deinen Knochen stecken, hilft nur die Flucht. Ein Ticket, ein Flieger, und plötzlich stehst du nicht mehr an der Feldstraße, sondern im grellen Licht der mallorquinischen Sonne. 15 Grad. Ein Hauch von Frühling, der sich anfühlt wie der erste Schluck eines eiskalten Cerveza nach einem langen Winter, mit gefrierendem Astra.

    Vor dem Stadion gibt's eine kleine Bar mit starkem Café und lokalem Bier für nach dem Spiel.

    Willkommen im Estadio Municipal Ses Forques. Willkommen in Porreres.

    Ich bin hierhergekommen, um den Kopf frei zu kriegen, doch der Fußball verfolgt mich wie ein süchtiger Geist. Ich stehe am Sonntag um 12 Uhr mittags am Rand dieses beschaulichen Platzes, der seit über hundert Jahren – die Unió Esportiva Porreres wurde 1923 gegründet, als man hier wahrscheinlich noch mit Lederbällen gegen die bleierne Franco-Zeit ankickte – das emotionale Zentrum dieses Dorfes ist. Die Farben? Rot und Weiß. Die Stimmung? Pur. Es riecht nach gewässertem Kunstgras, scharf gebranntem Kaffee und der verzweifelten Hoffnung, die nur die vierte Liga (Segunda Federación) bieten kann.

    Blick auf die Tribüne.

    Auf dem Papier ist es Porreres erste gegen die Reserve des FC Girona. In der Realität ist es ein Kampf gegen das Schicksal eines Absteigers.

    St. Pauli-Vibes unter Palmen

    Man sagt, man kann den Verein wechseln, aber nicht die Neurose. Und da sitze ich nun, tausende Kilometer vom Millerntor entfernt, und was sehe ich? St. Pauli-Vibes. Oder Altona 93-Vibes, für die Feinschmecker unter euch. Das Spielniveau hat diesen herrlichen, kantigen Regionalliga-Charme. Es ist ehrlich, es ist schmerzhaft, und es ist verdammt schön es anzusehen und dabei in die Sonne zu blinzeln.

    Porreres rennt. Sie beißen. Aber zur Halbzeit steht es 0:2. Javi Sarasa hat sie schon in der 6. Minute eiskalt erwischt, und kurz vor dem Pausenpfiff legte Carles Garrido nach. Ein Schlag in die Magengrube, den jeder Fan von Braun-Weiß im Schlaf mitsingen kann. Die Sonne brennt auf die Flutlichter – diese „Love-Lights“, wie mein Gehirn sie im Rausch der Euphorie umtauft –, und ich denke: Wie schön doch Flutlichtmasten sind. Ich werde nostalgisch.

    Zweite Halbzeit: die Hoffnung lebt auch hier …

    Dann passiert es. Die zweite Halbzeit beginnt, und dieses Team in Rot fängt an zu glauben. Es ist dieser Teamgeist, den wir am Millerntor so oft beschwören und so selten in Punkte ummünzen können. In der 64. Minute gibt es Elfmeter. De Tomás tritt an. Der Ball zappelt im Netz. 1:2.

    Plötzlich ist da Lärm im Ses Forques, kein Murmeln mehr, sondern ein Brüllen. Es ist die pure, unfiltrierte Lust am Widerstand. Ich sehe Parallelen, die mich noch nostalgischer machen. Diese jungen Talente, dieser strategiefreie Wahnsinn, das letzte Aufgebot, das sich weigert, einfach umzukippen. Es ist Fußball in seiner reinsten Form: Ein Dorf gegen die Übermacht vom Festland, ein Gefühl von Wir gegen die Statistiken des modernen Fußballs.

    Der Kater und die Erkenntnis

    Noch eine Ecke … und das wars.

    Am Ende reicht es nicht. Girona schaukelt das Ding über die Zeit. 1:2. Die Gesichter der Einheimischen sind gezeichnet von jener Mischung aus Stolz und Erschöpfung, die man nur kennt, wenn man alles gegeben hat und trotzdem mit leeren Händen dasteht. Es gibt sogar noch n Tumult mit Spielertraube zum Abpfiff. Porreres kennt die Tragik auch, so viel ist sicher.

    Was bleibt? Ein Sonnenbrand auf der Nase, ein leerer Becher und die Erkenntnis, dass Fußball überall gleich wehtut und gleich gut. Ob im Nieselregen von Hamburg oder unter den Pinien Mallorcas. Die UE Porreres mag auf Platz 17 der Tabelle hängen, genau wie unsere Jungs im Keller der Bundesliga darben, aber solange da noch dieser Funke ist, dieser „Mir-doch-egal-und-Spaß-dabei“-Vibe, ist nichts verloren.

    Nächste Woche bin ich wieder am Millerntor. Der Hamburger Regen wird mich empfangen wie ein alter, mürrischer Freund. Aber in meinem Kopf brennt noch das Licht von Ses Forques.

    Porreres, du schönes patiniertes Stück Fußball geschichte – ich komme wieder. Aber nur, wenn ihr weiter so kämpft, ob ihr dabei gewinnt, ist mir Sopa.



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    30 mins
  • Das Wie gewinnt
    Feb 11 2026

    (Das kleine Besteck zum kleinen Spriter)

    Endlich mal wieder ein Abend in der Taverna; endlich mal wieder ein Heimsieg. Willi und Erik treffen sich in der Taverna Plaka in de Schanzenstraße auf eine gute Stunde Podcast mit dem kleine Besteck, zwei bis drei Ouzo und viel Hoffnung, dass sich das mit den Spielen gegen Leverkusen, Mönchengladbach und Bremen noch zurecht ruckelt.

    Denn: es kommt nicht auf das Was, das Wieviel oder womöglich die “Qualität” der Stürmer an - sondern auf das Wie.

    Gib Willi 1 Ouzo aus: https://ko-fi.com/summary/67bd0a3e-fafd-46e5-9937-086d2285d005



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    1 hr and 11 mins
  • Klassenkampf mit dem letzten Aufgebot
    Feb 7 2026
    Angst und Schrecken (und verdammt viel Spaß) verbreitet der FCSP im Hamburger Nullgrad-Nieselregen: Wie das letzte Aufgebot des FC St. Pauli den VfB Stuttgart zerlegteVon unserem Korrespondenten im digitalen ExilEs war ein Tag für Grabenkämpfe. Draußen herrschten ein Grad, Nieselregen und jene spezifische Art von Hamburger Klammigkeit, die normalerweise Depressionen züchtet. Aber drinnen, im Kessel, oder besser gesagt: in den Köpfen derer, die noch übrig waren, passierte etwas Seltsames. Etwas, das man am Millerntor schon fast für einen Mythos hielt, begraben unter monatelangem Abstiegskampf-Gejammer. Es roch plötzlich nach Lust. Lust am Kampf, Lust an der Kraft.Ich war nicht dort. Ich konnte heute nicht. Vielleicht darf ich auch nie wieder hin, denn wenn ich nicht da bin, spielen sie plötzlich wie von der Tarantel gestochen. Ich saß vor dem Schirm, trötete auf Social Media und sah zu, wie sich das „letzte Aufgebot“ gegen den Champions-League-Adel aus Stuttgart erhob.Das Lazarett tanzt PogoMan muss sich die Szenerie mal vorstellen: Da kommt der VfB, bereit, sich an den Trögen der Champions League gütlich zu tun, und trifft auf einen Kader, der eher einer Krankenstation gleicht. Ein Lazarett, das die Hälfte des Gesamtwerts umfasst. Dapo ist weg, Rocky Jones kaputt, und kurz vor Anpfiff fällt auch noch Fujita aus, der einzige, der seit Monaten konstant liefert.Jeder vernünftige Mensch, jeder Buchhalter des Fußballs hätte auf ein massakerartiges 0:3 getippt. Aber stattdessen? Statt den Bus vor dem Tor zu parken und um Gnade zu winseln, entscheiden sich diese Wahnsinnigen für „Free your mind and the rest will follow“.Wieder da: Jackson Irvine. Der Mann spielt mit Schmerzen, als wäre Schmerz nur eine Illusion, reißt fast zwölf Kilometer ab und grätscht an der Seitenlinie in meine Erinnerung an Carsten Rothenbach. Und dann war da wieder Manolis Saliakas. Es gab Gerüchte, der Mann sei schon halb in Griechenland, aber an diesem Nachmittag hatte er einfach die Schnauze voll. Er fand diese Attitude wieder: „Ich bretter das Ding mal kurz unter die Latte“. Ein Tunnel-Zuspiel von Sinani, mit dem Überblick eines Feinsinnigen, und Saliakas wuchtet das Leder oben rechts rein. 1:0. Das Millerntor brüllte nach mehr, noch mehr Klassenkampf.Basketball im Strafraum und die Wiederentdeckung der OffensiveDer VfB Stuttgart wusste nicht, wie ihm geschah. Sie dachten, sie spielen gegen einen Abstiegskandidaten, aber sie spielten gegen ein Gefühl. Ein Gefühl von: „Mir doch egal.“Und dann wurde es grotesk. Ein Stuttgarter entschied sich mitten im Strafraum für eine kurze Basketball-Einlage. Dummdi-dummdi-dumm mit der Hand. Sinani, der Mann mit dem Radar-Auge, trat an. 2:0. Ein Satz, so trocken wie ein Bond-Martini.Es war nicht nur Glück. Es war pure Statistik für die Seele: 15 Torschüsse, neun davon direkt auf den Kasten, 6,2 Kilometer mehr gelaufen als der Gegner. Sie haben nicht verwaltet, sie haben gejagt. Vorchecking, hohes Pressen – Dinge, die man eigentlich nur aus Erzählungen kannte.Die Erlösung des Alexander BlessinUnd an der Seitenlinie? Alexander Blessin. Der Mann, den ich – ich gestehe es – oft genug zum Teufel gewünscht habe. Aber an diesem nasskalten Abend sah man etwas Neues. Nach dem Abpfiff eine Umarmungstraube zwischen ihm, Nemeth und dem weißhaarigen Bornemann. Der Druck fiel ab wie nasser Putz von der Wand. Heute hatte er aufgehört, nur die Null halten zu wollen. Heute ließ er sie spielen.Natürlich wurde es am Ende nochmal eng. Das obligatorische Gegentor in der 90. Minute, weil der FC St. Pauli ohne Herzrasen nicht funktionieren kann. Aber Lars Ritzka verteidigte nach vorne, kratzte den Ball fast von der Linie – ein ungültiges Traumtor nimmt auch Minuten von der Uhr; wen kümmert das schon? – körpereigener Rausch ist der schönste.Das Fazit: Wir ziehen sie alle mit runterAls der Schlusspfiff ertönte, war es keine Freude, es war Erlösung. Wir stehen zwar immer noch auf Platz 17, aber wir sind nur noch einen Punkt hinter Bremen. Und das ist die perverse Schönheit dieses Spieltags: Mit diesem Sieg ziehen wir Wolfsburg und Bremen wieder ganz tief mit rein in den Sumpf.Das war kein taktisches Meisterwerk am Reißbrett. Das war ein Sieg des Willens, der „Lust am vorne Verteidigen“. Ein Sieg für die, die schon abgeschrieben waren.Ich werde wohl doch wieder ins Stadion gehen, schiet doch auf Aberglauben. Wenn sie so weiterspielen – mit dieser „Mir doch egal und Spaß dabei“-Attitüde – dann tröte ich gerne weiter aus der Ferne.Prost. Auf den Klassenkampf. Auf zu weiterem Spaß mit Leverkusen. Get full access to Erik von St. Pauli POP at erikpop.substack.com/subscribe
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    14 mins
  • FC St. Pauli x RB Leipzig live on tape
    Jan 27 2026

    Haha, das genaue Gegenteil vom Derby. Der FC St. Pauli erkämpft sich einen späten Punkt gegen RB Leipzig im Nachholspiel am Millerntor: die letzten 15 Minuten gibts hier live on tape ...



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    21 mins
  • El Ángstico
    Jan 24 2026

    HSV x FC St. Pauli (0:0) - Das Hamburger Derby wird von der Angst beider Mannschaften gefressen, der Rest vom Fest liegt irgendwo erfroren auf dem Rasen rum.

    Ich für meinen Teil versuche immer noch aufzutauen und irgendeinen Sinn in dem zu finden, was ich gestern erleiden musste.

    B. sagte heute beim Frühstück, kein Mensch könne bei diesen Temperaturen sportliche Höchstleistung erwarten. Vielleicht hat sie recht. Den knapp über 20% gewonnener Zweikämpfe der Boys in Brown in Halbzeit eins stehen ja auch keine fast 80% des hsv gegenüber. Irgendwo steckt der Rest in den gefühlten -11 Grad fest.



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    16 mins
  • Matchday #FCSPhsv - Knackekalter Derbytag in Hamburg
    Jan 23 2026

    Es sind knackekalte Minus fünf Grad Celsius angesagt für heute Abend. Gefühlt zweistellig im Minus werden wir uns in der zugigen Ecke einfinden, um das erste Bundesligaderby am Millerntor zu erleben - vielleicht vorerst das letzte …

    Diese kleine Kurzgeschichte dient der Selbsttherapie und als Träger des kurzen Zwischenrufs als Podcast Bonus ;)

    0:37 Ein kleiner Zwischenruf

    3:04 Trainerentscheidungen und Spielerpsychologie

    4:29 Ausblick auf das Derby



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    5 mins
  • Though shalt no fear
    Jan 20 2026

    Habt ihr Angst vorm Abstieg aus der 1. Bundesliga? Ist vieles an dem Gemecker (auch in diesem Blog/Podcast) nicht einer gewissen Hasenfüßigkeit geschuldet? Und dem Wunsch bei den Großkopferten mitspielen zu dürfen?

    Was passiert, wenn man sich dieserAngst entledigte? Nicht bange zu sein, setzt Energien frei … die man für schöneres verwenden könnte. In Opposition zum Modernen Fußball.



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    13 mins
  • Der doppelte Ricky
    Jan 18 2026

    Als ich ein wenig später die Max-Brauer-Allee hinunter schlendere, bleibt mein Blick an einer Fahrradampel hängen. Von oben nach unten erzählen die Sticker eine kurze Geschichte, eine des Spiels gg Dortmund vielleicht:

    Krise, St. Pauli, Ricky, Ricky.

    Zweimal Ricky. Das bedeutet ja zwei Tore für Ricky, freue ich mich. Ein Wink des Universums? Ich konnte da noch nicht ahnen, dass “2x Ricky” für zwei Tore DURCH Ricky steht.

    Im Aalhaus gibt es Pilsener Urquell vom Fass. Das ist nicht nur lecker, sondern auch echt ne Wohltat ggü der Astra—Carlsberg Plörre anderswo (ja, Millerntor: Du kannst einiges, aber Bier kannst du nicht!)

    Willi ist schon da und hat mir einen Hocker reserviert. Wir sitzen direkt an der hölzernen Bar. Der Blick auf den Fernseher ist gut. Das kleine Gezapfte steht vor mir — Anpfiff. Die Boys stoßen an; wir stoßen an. Auf uns, auf die Boys auf dem Rasen im fernen Dortmund und auf das, was ein wenig die klamme Hoffnung nährt: noch steht auswärts bei einem Championsleague-Aspiranten die Null....



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    17 mins