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Über dem Nebelmeer

Über dem Nebelmeer

Written by: Nico & Sebastian
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Nico & Sebastian im Gespräch – über Philosophie und Politik, Kultur und Gesellschaft, über Gott und die Welt. Inspiriert von Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer suchen sie Klarheit im Ungefähren: Gedanken, Zweifel, Perspektiven. Kein Skript, keine Pose – nur der Versuch, im Nebel unserer Gegenwart den Überblick zu behalten.

Nico & Sebastian
Social Sciences
Episodes
  • #11 – Gefälschte Erinnerungen, echte Gefühle – Im Nebel zwischen KI-Fotos und Urinbecken
    May 10 2026

    Eine Episode voller Umwege, die alle irgendwo zusammenlaufen – beim Bild, beim Schein und beim leisen Verdacht, dass das alles so nicht gewesen sein kann.

    Sebastian ist in einer Midlife-Crisis, hat gerade eine Fürbitte für die Konfirmationsfeier seiner Nichte formuliert und hadert mit seiner Kirchenmitgliedschaft. Nico nutzt den Moment, um nachzufragen: Ist Sinnkrise plus Radikalisierungsphase dasselbe wie eine Minderheitsregierung im eigenen Leben? Dann geht es sofort zur Sache.

    Sebastian hat für ein Konfirmationsgeschenk KI-Bilder von Familienmitgliedern erstellt. Zwei Kinder, die sich nie gemeinsam auf oder neben einem Pferd befanden, befinden sich jetzt auf ein und demselben Foto gemeinsam auf und neben einem Pferd. Und eine Leine ist auf einmal nicht echt. Nico zieht Henning Ritters Notizhefte heran: »Die eine Erinnerung geht immer auf Kosten der anderen. Eingebildete Erinnerungen können echte verdrängen.« Und genau das, sagt Nico, tut Sebastian hier: er tauscht unwirkliche gegen wertvolle Erinnerungen aus. Zumindest der Sache nach. Das führt zu Peter Sloterdijks Diagnose einer »Bilder-Pandemie«, zur Frage, ob man auf 33.673 Fotos wirklich je zurückblicken wird, und zur Lust am alten 24er-Film, der einen zur Entscheidung zwang.

    Der zweite große Themenblock ist die Biennale in Venedig, ausgelöst durch einen FAZ-Artikel, der Nico nicht loslässt. Im österreichischen Pavillon schwingt eine nackte Performancekünstlerin als menschlicher Glockenklöppel artistisch hin und her. Eine andere dreht auf einem Jetski in einem gefluteten Raum ihre Runden – natürlich gegen den Klimawandel. Und im Herzstück des Pavillons verbringt je eine nackte Performerin täglich acht Stunden in einem Becken, das mit dem Urin Venedigs gespeist wird. Nico und Sebastian diskutieren, ob das Kunst ist, ob es Provokation sein kann, wenn alles Provokation ist, ob die Biennale Aktivismus braucht oder Können, und was Josef Beuys wohl gesagt hätte, wenn er am Rand dieses Beckens gestanden und einem toten Hasen die Biennale erklärt hätte. Der deutsche Pavillon mit der posthum gezeigten Arbeit der mit 40 Jahren verstorbenen Henrike Naumann über DDR-Ästhetik wirkt dagegen fast still. Und am Ende zieht Nico eine überraschende Kurve: Vielleicht wird der nackte Körper im Urin in zwanzig Jahren genau das sein, was die Biennale schon immer war, nämlich der letzte Zufluchtsort des Handgemachten in einer vollständig algorithmisierten Welt.

    Dazwischen: Das Ende der Parteiideologien (»nur noch Wählvereine«), die neue Spiegel- und ZEIT-Datenbank zu NSDAP-Mitgliedern, der Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff, die Geschichte des Namens (Fluss Hantan, Koreakrieg), König Charles' Glockengeschenk an Trump und die 35.000 US-Soldaten in Deutschland. Am Ende: Timmy der Wal – vermutlich tot, der GPS-Sender stumm. Und David Attenborough wird 100. Herzlichen Glückwunsch!

    Zum Abschluss: der 8. Mai, Richard von Weizsäcker und das Wort »Befreiung«.

    Aufnahmedatum: 8. Mai 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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    1 hr and 31 mins
  • #10 – Gestrandete Gegenwarten – Vom Wal im Livestream zur nebeligen Zeitreise in einem Antiquariat
    Apr 26 2026

    Die zehnte Episode des Nebelmeers ist eine runde Zahl, und Nico hatte nie damit gerechnet, dass Sebastian und er bis hierher durchhalten würden. Den Auftakt macht, wie üblich, das Stochern im Nahbereich: Sebastians Sonnenbrand aus dem Sauerland (Riesenrad, unterschätzte Höhe), Proteinshakes in unterschiedlichen Geschmackssorten und ein Blick auf den sinkenden deutschen Bierkonsum (wobei beide Hosts als lebenslanger Abstinenzler die Statistik nach eigener Auskunft nicht verzerren).

    Das erste große Thema: Timmy (oder Hope), ein gestrandeter Buckelwal auf der Insel Poel in der Ostsee, der zum ZDF-Dauerlivestreaminhalt wurde. Nico liest aus einem NZZ-Artikel von Eric Matt vor, der nicht nur den Wal, sondern vornehmlich dessen Publikum unter die Lupe nimmt: Aktivistinnen, die wochenlang im Auto schlafen, um »Zeitzeuginnen einer barbarischen Sache« zu sein; Anwohner, deren Dörfer vollgeparkt und von pissenden Aktivisten heimgesucht werden; und Minister Till Backhaus aus Mecklenburg-Vorpommern, der sich vorstellt, wie es wäre, wenn die Evolution umgekehrt verlaufen wäre und der Wal jetzt Sebastians Lebenserhaltungssysteme abschalten würde. Die Verbindung zur Pleonexie aus Episode 9 liegt nahe: 83 Millionen Walexperten, alle mit einer Meinung, keiner mit einem Meeresbiologiestudium. Warum gibt es eigentlich keinen ZDF-Livestream vom griechischen Erdbeerfeld? Und was wäre aus Timmy geworden, hätte er die Straße von Hormuz blockiert?

    Kurzes Intermezzo: »As Ever«, die Lifestyle-Marke von Meghan Markle, meldet sich mit einer Muttertagskollektion zurück. Die berühmte Marmelade (oder »Mumelade« aus Anlass des bevorstehenden Muttertags?) ist tatsächlich bestellbar: 15 Dollar, Schmuckverpackung, 8 Gramm Zucker pro 18-Gramm-Portion, leider nur innerhalb der USA.

    Der zweite große Block beginnt mit einem Ausflug nach Everswinkel, wo Nico in einem Laden namens »POGO Retroquitäten« auf 350 Quadratmetern Haushaltsauflösungen aus verschiedenen Jahrzehnten stöbert: Orgeln, Fleischwölfe, VHS-Kassetten, CD-Player. Fünf Bücher – mutmaßlich aus dem Nachlass eines Münsteraner Germanistikprofessors (»jedes dritte Buch ein Goethe-Titel«) – gehen für zehn Euro über den Ladentisch. Auf dem Heimweg trifft Nico die Frage wie ein Schlag: Was ist eigentlich Gegenwart?

    Von dort entfaltet sich das eigentliche Herzstück der Episode: ein philosophisches Gespräch über Zeitschichten, das nirgends aufhört, aber überall beginnt. Reinhart Koselleck und das Sedimentmodell der Zeit; der Kölner Dom als in sieben Jahrhunderten aufgeschichtete Gegenwart; François Hartog und die Gegenwart als Einschnürung zwischen zwei Unmöglichkeiten; Paul Valéry mit 17 Jahren, der 1888 notiert, dass der Baum für seinen Sarg bereits irgendwo wächst; Goethe bei der Kanonade von Valmy (»Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus«); Marcel Proust und die Madeleine (bei Nico ist es die Gülle, die Kindheitserinnerungen auslöst); die Frage, was es bedeutet, den 11. September »erlebt« zu haben, wenn man nur am Fernseher saß; und schließlich die letzte Frage: Kann man eigentlich altern, wenn man permanent von Vergangenem und Zukünftigem durchdrungen ist? Nico sagt: nein. Die gesamte Longevity-Industrie kann demnach ad acta gelegt werden.

    Aufnahmedatum: 24. April 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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    1 hr and 22 mins
  • #9 – Pleonexie, Paradiese und Planetenblicke – Vom Sauerland bis hinter den Mond
    Apr 12 2026

    Die neunte Episode des Nebelmeers beginnt, wo die letzte aufgehört hat: mit Ostern. Sebastian hat die Feiertage im Sauerland verbracht – Basislager Brilon, von dort aus Wildpark Willingen mit Alligatorhäuten, Wolfspelzen und einem Original-Dinosaurierfußabdruck, ein 45 Meter hohes Riesenrad und das Fort-Fun-Abenteuerland, das Sebastian noch aus Kindheitstagen kennt. Nebenbei: ein Spaziergang am Geburtshaus von Friedrich Merz, das sich als herrschaftliche Playmobil-Villa entpuppt (derzeit zum Verkauf, ohne Gedenktafel, Baujahr 1752). Nico seinerseits hat Ostern an der Möhne verbracht, mit Tanten, langen Spaziergängen und einem ersten Besuch im Torhaus.

    Dann – live während der Aufnahme – öffnet Sebastian seinen Spam-Filter und findet dort die Ergebnisse seiner KI-gestützten Hautkrebsvorsorge aus Episode 8: Entwarnung, keine exzisionsbedürftigen Naevi. Das Ergebnis bietet den Übergang zu einem deutlich größeren Thema: der Artemis-2-Mission. Seit dem 2. April 2026 umrunden vier Astronauten – Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch und der erste Kanadier im Mondflug, Jeremy Hansen – den Mond. Mit 406.778 Kilometern Entfernung haben sie den Apollo-13-Rekord gebrochen. Dazu: Jim Lovells Zitat über das Paradies, das wir bereits bewohnen, und Hans Blumenbergs Gedanke, dass die Vertreibung aus demselben womöglich noch gar nicht abgeschlossen sei.

    Ein FAZ-Artikel gibt den Anstoß für das nächste Thema: Gen-Z-Nostalgie für die 90er Jahre, die auf TikTok unter dem Tag »Mom, what was the 90s like?« kursiert (ohne dass die Nostalgikerinnen das Jahrzehnt erlebt hätten). Sebastian hatte die 90er im früheren Podcast »Per Album durch die Galaxis« einmal als das freieste Jahrzehnt bezeichnet. Die Gegenfrage liegt nahe: Was wird man in dreißig Jahren über die 2020er sagen? Sebastians Antwort: »Anstrengend.« Und dann, nach kurzem Zögern: vielleicht das Jahrzehnt, in dem man in eine neue Form des Autoritarismus abgeglitten sei.

    Daran schließt sich einer der philosophisch dichtesten Momente der Episode an. Nico stellt den Begriff »Pleonexie« vor, den er bei Arnold Gehlen entdeckt hat, den dieser wiederum von Max Scheler nimmt, der sowohl Habgier als auch die Gier nach Meinung bezeichnet: den Drang, trotz mangelnder Sachkenntnis überall mitzureden. Gehlen versus Habermas, Meinungsselbstherrlichkeit versus gelebte Demokratie, Querdenker und dann auch noch ein schwebendes Nutella-Glas nebst NASA-Fotos, die die KI als mögliche Fälschung einschätzt.

    Dann erneut: Die Straße von Hormuz. Diese trägt eine zweitausendjährige Geschichte als umkämpftes Nadelöhr – Portugiesen, Holländer, Perser, Briten, heute Iran und USA. »Nichts Neues unter der Sonne«, sagt Nico, ohne es gutzuheißen. Der letzte Öltanker ist an diesem Aufnahmetag in Rotterdam eingelaufen. Danach kein Öl mehr aus dem Persischen Golf. Es folgen E-Autos, chinesische Schnellladetechnik und der Traum vom Autobatterietausch wie bei einer Taschenlampe.

    Ganz am Ende, ganz organisch: das Lob des Ausgedruckten. Nico druckt Artikel aus, annotiert sie mit der Hand und überträgt die Notizen anschließend ins digitale Zettelkasten-System. Das Analoge als Durchgangsstation zum Digitalen. Die Multioptionsgesellschaft als letztes verbliebenes Paradies. Blumenberg hatte recht.

    Aufnahmedatum: 10. April 2026

    Intro- & Outro-Musik: »Dark Girl« von Elijah_K, https://pixabay.com/music/beats-dark-girl-280133/

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    1 hr and 15 mins
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